Theorie und Geschichte der Arbeiterbewegung

Faschismus als Massenbewegung
Gedanken über Palmiro Togliatti

(Herbert Münchow)

Pal­mi­ro Tog­liat­ti, der am 26. März 1893 in Ge­nua ge­bo­ren wur­de und am 21. Au­gust 1964 in Jal­ta ver­stor­ben ist, ge­hör­te 1921 an der Sei­te von An­to­nio Gram­sci zu den Mit­be­grün­dern der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­liens (IKP). Seit der Ver­haf­tung Grams­cis 1926 ver­trat er die­sen als Ge­ne­ral­se­kre­tär und wur­de nach des­sen Tod 1937 in die­ser Po­si­tion be­stä­tigt, die er bis 1964 au­süb­te. Als ei­ne in der ita­lie­ni­schen wie der in­ter­na­tio­na­len kom­mu­nis­ti­schen Be­we­gung her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­keit ist Tog­liat­ti un­um­strit­ten. In der Kri­tik steht die von ihm re­prä­sen­tier­te Nach­kriegs­stra­te­gie der IKP.

Seit 1926 mit Un­ter­bre­chung­en im Mos­kau­er Exil war er in der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le an der Aus­ar­bei­tung der Stra­te­gie des Kamp­fes ge­gen den Fa­schis­mus und die Krieg­sge­fahr be­tei­ligt. An der Sei­te Ge­or­gi Di­mi­troffs seit 1934 zwei­ter Mann an der Spit­ze der Kom­in­tern, ge­hör­te er ne­ben die­sem und Wil­helm Pieck zu den Haupt­red­nern des VII. Welt­kong­res­ses 1935 in Mos­kau. Tog­liat­ti sprach zur ag­gres­si­ven und ex­pan­sio­nis­ti­schen Po­li­tik des Im­pe­ria­lis­mus und über den Kampf ge­gen die von ihm aus­ge­hen­de Kriegs­ge­fahr.

Dies al­lein und der 40. To­des­tag To­gliat­tis wä­ren schon Grund ge­nug, an ihn zu er­in­nern. Mir geht es al­ler­dings um ein ganz be­stim­mtes Pro­blem der Fa­schis­mus­the­orie, zu des­sen An­a­ly­se Pal­mi­ro To­gliat­ti eini­ges bei­ge­tra­gen hat. To­gliat­ti hat 1935 fünf­zehn Vor­le­sung­en an der ita­li­eni­schen Sek­tion der Len­in Schu­le in Mos­kau über das The­ma "Der Geg­ner" ge­hal­ten. Kern die­ser Vor­le­sung­en war die Dar­stel­lung und An­a­ly­se des Fa­schis­mus. Da­bei kon­nte To­gliat­ti die prä­zi­se De­fi­ni­tion der Klas­sen­natur des Fa­schis­mus vor­aus­set­zen, wie sie be­reits im De­zem­ber 1933 auf der XIII. Ta­gung des Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen In­ter­na­tio­na­le an­ge­nom­men wur­de. 1935 auf dem VII. Welt­kon­gress der KI trug sie Ge­or­gi Di­mi­troff in sei­nem Re­fe­rat er­neut vor: "Der Fa­schis­mus an der Macht ist die of­fe­ne ter­ro­ris­ti­sche Dik­tatur der re­ak­tio­närs­ten, am meis­ten chau­vi­nis­ti­schen, am meis­ten im­pe­rial­is­ti­schen Ele­men­te des Fi­nanz­ka­pi­tals."

To­gli­at­ti wirft nun in sei­nen Vor­le­sung­en über den Fa­schis­mus auch die Fra­ge auf, wel­che Wech­sel­be­zieh­ung zwi­schen der fa­schis­ti­schen Dik­ta­tur der Bour­ge­oi­sie und der Be­we­gung der klein­bür­ger­li­chen Mas­sen be­steht. Die­se Fra­ge ist m. E. von größ­ter Ak­tu­ali­tät. Un­ter den Marx­is­ten hat sie nicht sel­ten gro­ße Kon­tro­ver­sen aus­ge­löst. So­weit die Klas­sen­na­tur des Fa­schis­mus rich­tig er­fasst wur­de, geht es um die Fra­ge, ob die fa­schis­ti­sche Be­we­gung bzw. Mas­sen­ba­sis ein We­sens­ele­ment des Fa­schis­mus ist oder nur eine Form des Fa­schis­mus ver­kör­pert, der der Mi­li­tär­fa­schis­mus als zwei­te Form ge­gen­über steht.

Re­na­te Mün­der hat sich in T&P 9/2014 in dem Ar­ti­kel "Ar­bei­ter­klas­se und Fa­schis­mus" in­di­rekt auch die­sem Pro­blem ge­näh­ert, wenn sie u.a. schreibt: "Die herr­schen­de Klas­se setzt bis­her nicht auf eine fa­schis­ti­sche Mas­sen­par­tei, sie baut aber vor für eine Si­tua­tion ‚wenn es in der Wirt­schaft ha­gelt…" (S. 17). Der schein­bar un­auf­halt­same Auf­stieg der AfD lässt je­doch die Fra­ge nach der fa­schis­ti­schen Mas­sen­be­we­gung deut­lich prak­ti­scher wer­den.

To­gli­at­ti ver­mit­telt u. a. fol­gen­de wich­ti­ge Er­kennt­nis­se, die m. E. in der Ar­beit ei­nes Kom­mu­nis­ten auf bünd­nis­po­li­ti­schem Ge­biet zur Ver­hin­de­rung des Fa­schis­mus von gro­ßer Be­deu­tung sind:

1. Es be­darf ei­ner ge­nau­en Un­ter­su­chung und Be­ob­ach­tung der La­ge der Mit­tel­schich­ten. Wie die Er­fah­rung schmerz­lich lehr­te, voll­zie­hen sich ge­ra­de in ihn­en Ver­schie­bung­en, ent­ste­hen in ihn­en Strö­mung­en, die von der Bour­ge­ois­ie ge­gen die Ar­bei­ter­klas­se aus­ge­nutzt wer­den kön­nen. (Das Klein­bür­ger­tum hat be­kannt­lich ei­nen Dop­pel­cha­rak­ter und kann so­wohl Ver­bün­de­ter als auch Geg­ner der Ar­bei­ter­klas­se sein.) Mit die­sen Strö­mung­en ist die Mög­lich­keit ei­ner fa­schis­ti­schen Mas­sen­be­we­gung ge­ge­ben.

2. Haupt­auf­ga­be der fa­schis­ti­schen Ide­olo­gie ist es, ver­schie­de­ne Strö­mung­en im Kampf um die Dik­ta­tur über die ar­bei­ten­den Mas­sen zu­sam­men­zu­schwei­ßen und zu die­sem Zwec­ke eine brei­te Mas­sen­be­we­gung zu schaf­fen. "Die fa­schis­ti­sche Ide­olo­gie", sagt To­gliat­ti, "ist ein Mit­tel, da­zu ge­schaf­fen, die­se he­te­ro­ge­nen Ele­men­te zu­sa­m­men­zu­füh­ren." Und er fügt an die Ad­res­se sei­ner Zu­hö­rer ge­rich­tet hin­zu: "Wenn ihr die fa­schi­sti­sche Ide­olo­gie be­trach­tet, ver­liert nie­mals das Ziel aus den Au­gen, das zu er­rei­chen sich der Fa­schis­mus mit ei­ner be­stimm­ten Ide­olo­gie in ein­em be­stimm­ten Au­gen­blick vor­ge­nom­men hat."

3. Bleibt die Un­zu­frie­den­heit im Er­ge­bnis ei­ner gro­ßen Kri­se nicht mehr nur auf die Ar­bei­ter be­schränkt, son­dern er­greift sie auch das Klein­bür­ger­tum - und zwar in ein­em sol­chen Ma­ße, dass es mög­lich­er­wei­se so­gar zu Block­bil­dung­en kommt - dann ent­ste­hen auch neue klein­bür­ger­li­che Be­we­gung­en, die nach Ve­rän­de­rung der be­steh­end­en Herr­schafts­form drän­gen. (In die­sem Zu­sam­men­hang wä­re ei­ne Ana­ly­se der An­häng­er­schaft der AfD sicher sehr auf­schluss­reich, oh­ne da­bei die Rol­le der NPD zu ver­ken­nen.) Die Bour­ge­oi­sie muss den Par­la­men­ta­ris­mus li­qui­die­ren, sie be­darf einer an­de­ren Mach­tau­sü­bung. To­gli­at­ti sagt: "Das ist der Bo­den, auf dem der Fa­schis­mus ent­steht."

4. Die fa­schis­ti­sche Par­tei ist ei­ne po­li­ti­sche Or­ga­ni­sa­tion der Bour­ge­oi­sie neu­en Typs, die ge­eig­net ist, ei­ne of­fe­ne Dik­ta­tur über die ar­bei­ten­den Klas­sen zu prak­ti­zie­ren. Sie schafft sich ei­ge­ne Or­ga­ne für ei­ne be­waff­ne­te Par­tei­or­ga­ni­sa­tion.

Wie To­gli­at­ti bin auch ich der Mei­nung: Ei­ne re­ak­tio­nä­re Um­for­mung der bür­ger­li­chen Ins­ti­tu­tio­nen - z.B. hin­sicht­lich der Durch­füh­rung von Not­ver­ord­nung­en - ist noch kein Fa­schis­mus. Das ent­schei­den­de Ele­ment ist ei­ne re­ak­tio­nä­re Mas­sen­ba­sis, die es er­laubt, kon­se­quent und er­fol­greich die Ar­bei­ter­klas­se zu be­kämp­fen und so­mit den Bo­den für ei­ne of­fe­ne fa­schis­ti­sche Dik­ta­tur vor­zu­be­rei­ten.

Es sei da­ran er­in­nert: Die Füh­rung der Reichs­wehr prüf­te En­de 1932 die Mög­lich­keit ei­ner Mi­li­tär­dik­ta­tur zur Zer­stö­rung der De­mo­kra­tie und zur Zer­schla­gung der Ar­bei­ter­be­we­gung. Sie kam zu dem Er­geb­nis, dass dies nicht mög­lich sei und dass man für sol­che Zie­le ei­ne Mas­sen­ba­sis be­nö­ti­ge - die dann der Fa­schis­mus schuf. In den im­pe­ria­lis­ti­schen Län­dern gibt es im­mer Ten­den­zen zu ei­ner fa­schis­ti­schen Staats­form, aber da­ne­ben ex­is­tie­ren die par­la­men­ta­ri­schen Herr­schafts­for­men wei­ter. Die Wahr­heit lau­tet nach wie vor: "dass der Grad der Mög­lich­keit ei­ner fa­schis­ti­schen Dik­ta­tur von dem Grad der Kampf­be­reit­schaft der Ar­bei­ter­klas­se ab­häng­ig ist so­wie von ih­rer Fä­hig­keit, die de­mo­kra­ti­schen In­s­ti­tu­tio­nen zu ver­tei­di­gen."

Noch ein­mal To­gli­at­ti: Wir müs­sen den Beg­riff Fa­schis­mus dann an­wen­den, "wenn sich der Kampf gegen die Ar­bei­ter­klas­se auf einer neu­en Mas­sen­ba­sis mit klein­bür­ger­li­chem Ni­veau en­twic­kelt."

Palmiro Togliatti

Antonio Gramsci

"Der Fa­schis­mus an der Macht ist die of­fe­ne ter­ro­ris­ti­sche Dik­tatur der re­ak­tio­närs­ten, am meis­ten chau­vi­nis­ti­schen, am meis­ten im­pe­rial­is­ti­schen Ele­men­te des Fi­nanz­ka­pi­tals."

VII. Welt­kon­gress der KI 1935, vor­ge­tra­gen von Ge­or­gi Di­mi­troff.

Georgi Dimitroff



Vertreter der Kommunistischen Internationale 1933

Palmiro Togliatti in Berlin 1950

John Heartfield: "Arbeiter Illustrierte Zeitung" vom 16. Oktober 1932

Kampflied gegen den Faschismus: