Leipziger Arbeiterbewegung

Otto Engert
24. Juli 1895 - 11. Januar 1945

»In der Sachlichkeit überlegen sein«

(Herbert Münchow)

Die Laut­stär­ke der Po­le­mik war für Ot­to En­gert, der ei­gent­lich Ot­to Gentsch hieß, kein Ar­gu­ment. Er setz­te auf Über­zeu­gungs­ar­beit. Wer war die­ser Kom­mu­nist, nach dem Stra­ßen (Leip­zig-Lin­de­nau die En­gert­stras­se), Orts­tei­le und Schu­len be­nannt sind; an den Ge­denk­stei­ne er­in­nern? Nur we­ni­ge Mo­na­te vor dem En­de des 2. Welt­krie­ges wur­de Ot­to En­gert mit den Ge­nos­sen Georg Schu­mann, Kurt Kres­se u.a. von den Fa­schis­ten hin­ge­rich­tet. Sie bil­de­ten die po­li­ti­sche Lei­tung ei­ner der größ­ten deut­schen Wi­der­stands­grup­pen. Die An­kla­ge­schrift warf ih­nen vor, daß sie 1943/44 in Leip­zig und an­de­ren Or­ten »ei­ne ne­ue kom­mu­ni­sti­sche Or­ga­ni­sa­tion auf­zie­hen woll­ten.«
Ot­to En­gert wur­de am 24. 7. 1895 in Pröß­dorf/Al­ten­burg ge­bo­ren. Er er­lern­te den Be­ruf ei­nes Zim­mer­manns und ging auf Wan­der­schaft. 1913 trat er in die SPD ein. Wäh­rend des 1. Welt­krie­ges kam er als Sol­dat an die Front und wur­de ei­ni­ge Mo­na­te we­gen an­ti­mi­li­ta­ri­sti­scher Tä­tig­keit ein­ge­ker­kert. Die Burg­frie­dens­po­li­tik sei­ner Par­tei und die No­vem­ber­re­vo­lu­tion brach­ten ihn in Wi­der­spruch zur Mehr­heits­so­zial­de­mo­kra­tie. En­gert schloss sich der USPD an und ging 1920 mit ih­rem lin­ken Flü­gel zur KPD. Er war der ein­zi­ge kom­mu­ni­sti­sche Ab­ge­ord­ne­te im Kreis­tag Al­ten­burg und wur­de 1924 und 1927 in den Thü­ri­nger Land­tag ge­wählt. Seit die­ser Zeit lei­te­te er die KPD-Orts­grup­pe Al­ten­burg/Thü­rin­gen und war haupt­amt­lich tä­tig als Un­ter­be­zirks­lei­ter der KPD in Meu­sel­witz, 1927/28 als Re­dak­teur der »Säch­si­schen Ar­bei­ter­zei­tung«. We­gen sei­ner gro­ßen Er­fah­run­gen in der Kom­mu­nal­po­li­tik war er Mit­glied der Be­zirks­lei­tung der KPD West­sach­sen. 1927 wur­de er zu ei­nem Jahr Fes­tungs­haft ver­ur­teilt. Als theo­re­tisch ver­sier­ter Ge­nos­se be­stritt er häu­fig Schu­lungs­kur­se im Rah­men der in­ner­par­tei­li­chen Bil­dungs­ar­beit.
Die ver­häng­nis­vol­le Wen­dung der KPD zur RGO-Po­li­tik, die fal­sche Ein­schä­tzung der SPD als »so­zial­fa­schis­tische Agen­tur in der Ar­bei­ter­klas­se«, wur­de von ihm als ei­nem der ers­ten in ih­rer bünd­nis­po­li­ti­schen Trag­wei­te er­kannt. Zu­sam­men mit an­de­ren Ge­nos­sen pro­tes­tier­te er ge­gen die den Kurs­wech­sel be­glei­ten­den Säu­be­run­gen in der KPD. In ei­nem Te­le­gramm an das Exe­ku­tiv-Komi­tee der Kom­mu­ni­sti­schen In­ter­na­tio­na­le heißt es:
»Un­ter­zeich­ne­te Mit­glie­der der kom­mu­nis­ti­schen Land­tags­frak­tion Thü­ring­ens pro­tes­tie­ren ge­gen Aus­schluss­he­tze ge­gen Brand­ler, Thal­hei­mer, Wal­cher, Fröh­lich, Tit­tel und Ge­nos­sen - stopp - for­dern Än­de­rung in­ner­par­tei­li­chen Kur­ses, ge­gen bü­ro­kra­ti­sche Dik­ta­tur, für Par­tei­de­mo­kra­tie, Mit­be­stim­mungs­recht der Mit­glie­der, Zu­las­sung von Selbst­kri­tik, Zu­rück­nah­me al­ler Maß­re­ge­lung­en, ideo­lo­gi­sche Aus­ein­an­der­se­tzung­en.
Ten­ner-Go­tha, Tit­tel-Je­na, Schul­ze-Ge­ra, Eyer­mann-Sal­zun­gen, Frie­da Win­kel­mann-Go­tha, En­gert-Al­ten­burg (Bez. Leip­zig), Fi­scher-Greiz. 20.12.1928«
Das trug ihm den Aus­schluss aus der KPD ein. Den­noch wähl­te ihn die Orts­grup­pe Al­ten­burg wie­der zu ih­rem Vor­si­tzen­den. Die ge­sam­te Orts­grup­pe trat an­schlie­ßend zur KPD-Op­po­si­tion über. Im Ju­li 1929 kan­di­dier­te Ot­to En­gert für das Amt des Bür­ger­meis­ters in Neu­haus am Renn­weg. Er wur­de als Kan­di­dat der KPD-O ge­wählt. Der thü­ring­ische In­nen­mivni­ster Wil­helm Frick (NSDAP) ent­hob ihn im März 1931 zeit­wei­lig des Am­tes, das er schließ­lich bis 1933 in­ne hat­te.
Der Fa­schis­mus an der Macht fand die KPD-O auf die Il­le­ga­li­tät vor­be­rei­tet. In Sach­sen über­nahm Otvto En­gert die Lei­tung der Wi­der­stands­ar­beit. Wäh­rend eivner der gro­ßen Ge­sta­po-Raz­zien - bei de­nen al­lein im Be­zirk Leip­zig von Sep­tem­ber 1934 bis Ap­ril 1935 über 2000 Kom­mu­nis­ten ver­haf­tet wur­den - wur­de er auf­ge­spürt und zu 8 Mo­na­ten Zucht­haus ver­urt­eilt. Da­nach ver­schlepp­te man ihn »vor­beu­gend« in das KZ Sach­sen­burg.
Nach Ab­schluss des deu­tsch-sow­je­ti­schen Pak­tes 1939 lie­ßen die Na­zis ei­ne Rei­he von Kom­mu­nis­ten frei, in der An­nah­me, daß sich die­se lo­yal ver­hal­ten wür­den. Ot­to En­gert knüpf­te Kon­tak­te. Der Über­fall auf Po­len, der den 2. Welt­krieg ein­lei­te­te, er­höh­te sprung­haft die An­zahl der ak­ti­ven Wi­der­stands­kämp­fer. Die Kom­mu­nis­ten En­gert, Kres­se, Schu­mann knüpf­ten al­te Ver­bin­dung­en, stell­ten Kon­tak­te zu iso­liert ar­bei­ten­den Be­triebs­grup­pen her. Der Über­fall der Fa­schis­ten auf die Sow­jet­un­ion im Som­mer 1941 be­rei­te­te den Bo­den für die wei­te­re Ak­ti­vie­rung des Wi­der­stands. En­gert's Milch­la­den wur­de zur An­lauf­stel­le für Nach­rich­ten und Ma­te­rial. In den Jah­ren 1942/43 ge­lang es, Zel­len in den wich­tig­sten Rüs­tungs­be­trie­ben zu bil­den. Bei den Ar­bei­tern der Ha­sag-Wer­ke gin­gen Flug­blät­ter von Hand zu Hand, die zur Lang­sam­ar­beit und zur So­li­da­ri­tät auf­rie­fen. Es bil­de­te sich, mit Un­ter­stü­tzung des »In­ter­na­tio­na­le(n) An­ti­fa­schis­ten­komi­tee(s)«, ei­ner Grup­pe rus­si­scher und pol­ni­scher Zwangs­ar­bei­ter, über die di­rek­ter Kon­takt zu den La­gern her­ge­stellt wer­den kon­nte, ei­ne straff ge­glie­der­te Ka­der­or­ga­ni­sa­tion he­raus, de­ren Kon­ta­kte bis ins Bu­na- und Leu­na­werk reich­ten.
En­de 1943 leg­te Ot­to En­gert ei­ne ge­mein­sam mit dem KPO-Ge­nos­sen Al­fred Schmidt er­ar­bei­te­te Platt­form der Schu­mann-Grup­pe vor, die in al­len Un­ter­glie­de­rung­en dis­ku­tiert wur­de. Die­se Platt­form wur­de auch mit der Wi­der­stands­grup­pe Neu­bau­er-Po­ser in Thü­ring­en be­sproch­en, die ähn­li­che Auf­fas­sun­gen ver­trat. Kon­tak­te mit der in Ber­lin tä­ti­gen Saef­kow-Grup­pe konn­ten eben­falls ge­knüpft wer­den. Es kam zu ei­nem Tref­fen der Lei­ter der drei Grup­pen. Gab es auch kei­ne Über­ein­stim­mung in durch­aus sehr wich­ti­gen Ein­zel­fra­gen (z. B. die Stel­lung zum NKFD), so doch in den Grund­sätz­en.
Die Er­reich­ung ih­rer Zie­le war den il­le­ga­len Grup­pen nicht ver­gönnt. Im Ju­li 1944 ge­lang der Ge­sta­po ih­re Zer­schlag­ung. Ot­to En­gert, der in den Ver­hö­ren trotz schwers­ter Fol­te­rung stand­haft und ver­schwie­gen blieb, wur­de zum To­de ver­ur­teilt (sei­ne Frau zu lang­jäh­ri­ger Zucht­haus­stra­fe) und am 11. Ja­nu­ar 1945 im Hof des Dresd­ner Land­ge­richts hin­ge­rich­tet. In sei­nem letz­ten Brief schrieb er: »Da­rüb­er, ob das, was ich tat, rich­tig und not­wen­dig war, wird einst die Ge­schich­te ent­schei­den.«


»Mit Ot­to En­gert ha­be ich re­den kön­nen. Er war von Al­ten­burg und hat dort in der KPD vor der Spal­tung die Füh­rung gehabt. Als 1928 die Spal­tung kam, ist er mit an­de­ren zur KPO ge­gan­gen und war Ab­ge­ord­ne­ter für den Thü­rin­ger Land­tag. Er war ein gro­ßer, kräf­tiger, aber grund­ehr­li­cher Mann. An ei­nem Tag 1943 kam Ot­to En­gert zu mir nach Er­furt. In Leip­zig war ein Komi­tee zu­stan­de ge­kom­men und hat­te zi­emli­chen Ein­fluss und An­hang be­kom­men. Da wa­ren Ot­to und Ge­org Schu­mann die Haupt­per­so­nen. Er hat mit mir ei­nen hal­ben Tag da­rü­ber ge­spro­chen, was man mach­en sol­lte. Wir brauch­ten ein Ak­tions­pro­gramm, was wir den Ar­bei­tern vor­le­gen, wie sie sich das Ende der Hit­le­rei den­ken und wie es dann wei­ter ge­hen soll. Das ha­ben wir zu­sam­men aus­ge­ar­bei­tet. Spä­ter wur­den sie ver­haf­tet, und der Pro­zess war ihr Le­bens­en­de. Ot­to En­gert hat nicht er­zählt, dass er bei mir ge­we­sen ist. Den ha­ben sie sich­er ge­quält und trotz­dem ist er fest ge­blie­ben.«

(Al­fred Schmidt über Ot­to En­gert)

Georg Schumann

Lui­se Kraus­haar, Deut­sche Wi­der­stands­kämp­fer 1933 bis 1945, Dietz Ver­lag, Ber­lin 1970, Band 1, S. 235-237.

Ilse Krau­se, Die Schu­mann-En­gert-Kres­se-Grup­pe. Do­ku­men­te und Ma­te­ria­li­en des il­le­ga­len an­ti­fa­schis­ti­schen Kamp­fes (Leip­zig 1943 bis 1945). Dietz Ver­lag, Ber­lin 1960.

Wolf­gang En­ke, Kur­zer Über­blick über das Le­ben Ot­to En­gerts. In: Al­ten­bur­ger Ge­schichts- und Haus­ka­lend­er 1995. S. 72-76.

Vol­ker Kü­low, Der kom­mu­nis­ti­sche Wi­der­stand in Leip­zig. Im Ge­den­ken an die E­rmor­dung von Ge­org Schu­mann, Ot­to En­gert, Kurt Kres­se, Ge­org Schwarz und Ge­nos­sen vor 60 Jah­ren. In: Dis­kurs. Streit­schrif­ten zu Ge­schich­te und Po­lit­ik des So­zia­lis­mus, Heft 17.

In der Re­vo­lu­tion ge­bo­ren. In den Klas­sen­kämp­fen be­währt, Ge­schich­te der KPD-Be­zirks­or­ga­ni­sa­tion Leip­zig-West­sach­sen, Leip­zig 1986.