Leipziger Arbeiterbewegung

Dokumente und Flugblätter
der Widerstandsgruppe »Freies Deutschland«
(Schumann-Engert-Kresse-Gruppe)

Leitsätze über die Liquidierung des imperialistischen Krieges und der Naziherrschaft (Plattform)

Der ge­gen­wär­ti­ge Krieg be­ruht auf den In­te­res­sen­ge­gen­sä­tzen der ka­pi­ta­lis­ti­schen Staa­ten und wird von ih­nen als im­peria­lis­ti­scher Krieg, »d.h. als ein Er­obe­rungs-, Raub- und Plün­de­rungs­krieg, als ein Krieg um die Neu­auf­tei­lung der Welt ge­führt« (Le­nin). Die Be­herr­schung der Ab­satz­märk­te, Roh­stoff­quel­len, Ver­kehrs­we­ge und die Si­che­rung von Macht­stütz­punk­ten sind die ei­gent­li­chen Zie­le al­ler am Krieg be­tei­lig­ten ka­pi­ta­lis­ti­schen Län­der. Trä­ger der im­peria­lis­ti­schen Po­li­tik ist das Mo­no­pol­ka­pi­tal, wo­bei es grund­sätz­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen den bür­ger­lich-de­mo­kra­ti­schen und fa­schis­tisch-au­to­ri­tä­ren Län­dern nicht gibt. Durch die Un­ter­stü­tzung des Klein­bür­ger­tums und der Ar­bei­ter, die in der Aus­beu­tung an­de­rer Völ­ker die ein­zi­ge Mög­lich­keit des so­zia­len Auf­stiegs se­hen, er­hält der Im­pe­ria­lis­mus sei­ne Mas­sen­ba­sis. In Deut­sch­land und Ita­lien ist das der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus bzw. Fa­schis­mus, bei den West­mäch­ten der Re­for­mis­mus und die ihm an­ver­wand­ten bür­ger­li­chen Par­tei­en.
In die im­per­ia­lis­ti­sche Aus­ein­an­der­se­tzung ein­zugrei­fen, lag der Sow­jet­un­ion (SU) fern, erst der Über­fall des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus zwang sie zum Krieg. Es geht den deut­schen Im­pe­ria­lis­ten hier­bei nicht nur um die Er­obe­rung rus­si­scher Ge­bie­te mit ih­ren rei­chen Bo­den­schä­tzen und Korn­kam­mern und die Ver­skla­vung ih­rer Be­wo­hner, son­dern vor al­lem um die Zer­stö­rung des Boll­werks der pro­le­ta­ri­schen Re­vo­lu­tion. Die­ser Krieg, der von bei­den Sei­ten mit rück­sichts­lo­ser Här­te ge­führt wird, weist al­le Merk­male ei­nes Klas­sen­krie­ges auf. Sind so­mit die Grün­de und Ur­sa­chen der SU für ihre Teil­nah­me am Krie­ge we­sent­lich an­de­re als die ih­rer zeit­wei­li­gen Bünd­nis­part­ner Eng­land-Ame­ri­ka, so erst recht ihre Kriegs­zie­le. Das ein­zi­ge, wirk­lich ge­mein­sa­me Ziel, das Sow­jet­russ­land mit sei­nen Ver­bün­de­ten an­strebt, ist die Ver­nich­tung der fa­schis­ti­schen Kriegs­macht, wo­bei es die Haupt­last des Kamp­fes trägt. In der Ver­tei­di­gung ih­rer so­zia­lis­ti­schen Hei­mat ent­wi­ckeln die rus­si­schen Ar­bei­ter und Bau­ern je­ne ge­wal­ti­gen ide­el­len und ma­te­riel­len Kräf­te, die ent­schei­dend für die mi­li­tä­ri­sche Nie­der­la­ge des Fa­schi­smus und sei­ner Kriegs­po­li­tik sind.
Von den Ka­pi­ta­lis­ten und Na­zi-Macht­ha­bern in das Ver­der­ben ge­führt, steht das deut­sche Volk nun vor der fol­gen­schwers­ten Ent­schei­dung sei­ner Ge­schich­te. Um ih­re Exis­tenz als Aus­beu­ter­klas­se zu ret­ten, ist die deut­sche Bour­geoi­sie be­reit, vor den eng­lisch-ame­ri­ka­ni­schen Im­pe­ria­lis­ten zu ka­pi­tu­lie­ren und ih­nen ganz Deutsch­land als Auf­marsch­ge­biet und Waf­fen­hil­fe für ih­re künf­tige Aus­ein­an­der­se­tzung mit der SU aus­zu­lie­fern. Sei­ner po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Selbst­stän­dig­keit be­raubt, müss­te Deutsch­land zu ei­ner Ko­lo­nie frem­der Aus­beu­ter her­ab­sin­ken. Dop­pelt ver­sklavt un­ter die aus­ländi­schen und deut­schen Ka­pi­ta­lis­ten, wä­re dem deut­schen Volk der Auf­stieg zum So­zia­lis­mus ver­wehrt und sein Un­ter­gang ge­wiss. Es bleibt ihm da­her kein an­de­rer Aus­weg als der des rück­sichts­lo­sen Kamp­fes ge­gen die Kriegs­ver­bre­cher und die ra­sche Li­qui­die­rung des im­pe­ria­lis­ti­schen Krie­ges. Nur in engs­ter Zu­sam­men­ar­beit mit der sieg­rei­chen Sow­jet­un­ion, die kei­ner­lei Er­obe­rungs­ab­sicht ge­gen­über an­de­ren Völ­kern hegt, kann sich das deut­sche Volk die na­tio­nale Frei­heit si­chern. Im We­ge der re­vo­lut­io­nä­ren Er­he­bung muss es die alten Ge­wal­ten stür­zen, die ka­pi­ta­lis­ti­sche Macht nie­der­rei­ßen, mit den Me­tho­den der Ver­ge­wal­ti­gung an­de­rer Völ­ker bre­chen und auf den Fun­da­men­ten der Ar­beit und des Frie­dens die wirk­li­che so­zia­lis­ti­sche Ord­nung be­grün­den. Die un­ver­züg­li­che Be­en­di­gung des Krie­ges mit Sow­jet­russ­land und der als­bal­di­ge Ab­schluss ei­nes Bünd­nis­ses mit ihm ist der ers­te Schritt auf dem neu­en We­ge. Auf die­ser Grund­la­ge ver­ei­ni­gen sich die In­te­res­sen des deut­schen und des rus­si­schen Vol­kes mit de­nen al­ler Völ­ker. Die­ses Bünd­nis ent­hält rea­le Si­cher­hei­ten vor den fort­be­ste­hen­den An­griffs­ab­sich­ten der Im­pe­ria­lis­ten und ist die Vor­aus­se­tzung der end­gül­ti­gen Be­frei­ung Eu­ro­pas und sei­ner so­zia­lis­ti­schen Neu­ge­stal­tung.
Ver­wir­kli­chen kann diese Po­li­tik nur die Ar­bei­ter­klas­se un­ter Füh­rung ih­res Vor­trupps, der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. Der Sieg der Re­vo­lu­tion setzt je­doch die ak­ti­ve Teil­nah­me al­ler Werk­tä­ti­gen an ihr vor­aus. Der Ge­gen­satz zwi­schen Stadt und Land muss des­halb be­sei­tigt und ein fes­tes und dau­er­haf­tes Bün­dnis mit den Bau­ern ge­schlos­sen wer­den. Al­le Op­fer der fa­schis­ti­schen und im­pe­ria­lis­ti­schen Po­li­tik, die ei­nen Aus­weg aus der Ka­tas­tro­phe su­chen, müs­sen sich mit den Ar­bei­tern zum ge­mein­sa­men Kampf ge­gen Krieg und Fa­schis­mus ver­bü­nden. Um die­se an­ti­fa­schis­ti­sche Volks­front über al­le po­li­ti­schen und kon­fes­sio­nel­len Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten hin­weg her­zu­stel­len, schla­gen die Kom­munis­ten un­ge­ach­tet ih­rer wei­ter­ge­hen­den Be­stre­bun­gen vor:

  1. Sturz des Naziregimes.
  2. Bildung einer Regierung des werktätigen Volkes.
  3. Bewaffnung der Arbeiter.
  4. Abbruch aller Kriegshandlungen gegen die SU. Ersuchen um Waffenruhe und Frieden. Zurücknahme der deutschen Truppen. Freigabe der Gefangenen.
  5. Sofortiges Friedensangebot auch an alle anderen Länder. Deutschland ist zum Frieden bereit, sofern seine Souveränität und territoriale Unversehrtheit anerkannt und das Recht auf Selbstbestimmung seiner Neugestaltung gewährleistet wird.
  6. Abschluss eines Bündnisses mit der SU zum Zwecke der engsten Zusammenarbeit auf allen Gebieten der Politik, Wirtschaft und Kultur sowie der Herbeiführung eines allgemeinen Friedens.
  7. Wiederherstellung der Freiheit aller unterdrückten Völker im Zuge der sozialistischen Neuordnung.
  8. Sühne aller im In- und Ausland verübten Grausamkeiten der Nazis. Strenge Bestrafung aller Kriegsverbrecher. Beschlagnahme deren Eigentums und Vermögens. Beschlagnahme des Eigentums und Vermögens der Kriegsgewinnler, Schieber und Spekulanten sowie der Naziführer.
  9. Auflösung der NSDAP und aller Untergliederungen. Verhaftung der Naziführer. Auflösung der Geheimen Staatspolizei.
  10. Freilassung aller politischen Gefangenen, einschließlich der von den Militärgerichten verurteilten Soldaten. Straffreiheit für die aus der sozialen Not heraus entstandenen Straftaten.
  11. Wiederherstellung der demokratischen Rechte des Volkes, wie: Freiheit der Person, der Meinung, der Presse, der Versammlung, der Vereinigung. Sicherstellung der Religionsfreiheit.
  12. Wiedereinführung des Achtstundentages. Aufhebung aller Dienstverpflichtungen sowie der Beschränkung der Freizügigkeit. Abbau des Lohnstopps für alle Arbeiter und Angestellten. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit an die Frauen. Aufhebung der Zwangsarbeit für alle Ausländer. Gleichstellung mit den inländischen Arbeitern hinsichtlich der Behandlung, Entlohnung und Verpflegung.
  13. Umfassende Hilfsmaßnahmen für die Opfer des Krieges und der revolutionären Erhebung. Breitstellung von Wohnraum, Kleidung und Hausrat für die Bombengeschädigten.
  14. Anerkennung des Eigentums der Bauern und Werktätigen in Handel, Handwerk und Gewerbe. Abbau aller Nazigesetze, die ihre Entwicklung hemmen. Aufbau leistungsfähiger Genossenschaften vor allem in der Landwirtschaft und in der Warenverteilung (Handel). Förderung und Unterstützung dieser Bestrebungen durch den Staat. Selbstverwaltung an Stelle bürokratischer Willkür und Formularwirtschaft.

Februar 1944


Widerstand gegen Krieg und Naziherrschaft
(illegale Zeitung)

Der Ruf unserer Ahnen

Ulrich von Hutten:
Wir wollens halten insgeheim
Lasst doch nit streiten mich allein.
Erbarm euch übers Vaterland,
ihr werten Teutschen, regt die Hand.

Friedrich Schiller:
Wenn der Gedrückte nirgends Recht finden kann,
wenn unerträglich wird die Last -
greift er hinauf getrosten Mutes in den Himmel
und holt herunter seine ewgen Rechte.

Schluss mit dem Hitlerkrieg!
Für ein freies Unabhängiges Deutschland!

In al­len Krei­sen des deut­schen Vol­kes wächst die Er­kennt­nis: Hit­ler hat den Krieg ver­lo­ren. Seine Fort­se­tzung er­for­dert nur wei­te­re ver­geb­li­che Op­fer, wei­te­re Zer­stö­rung von Pro­duk­tions- und Wohn­stät­ten. Ge­gen die­sen Wahn­sinn muss sich das gan­ze Volk er­he­ben. Es geht um den Be­stand der Na­tion. Al­le Kräf­te müs­sen zur Ret­tung von Volk und Hei­mat ein­ge­setzt wer­den. Wa­ren es zu­erst nur ein­zel­ne und vor al­lem klas­sen­be­wuss­te Ar­bei­ter, die un­er­schro­cken ge­gen Hit­lers Kriegs­po­li­tik an­kämpf­ten, so sind es heu­te schon vie­le. Es geht vor­wärts trotz al­le­dem, trotz Ge­sta­po und Na­zi­ter­ror. Die bis­her ge­brach­ten Op­fer sind nicht um­sonst ge­fal­len. Ge­tra­gen von ei­ner brei­ten Wel­le mit­leid­lo­sen Has­ses ge­gen die Kriegs­ver­bre­cher, ist ei­ne wir­kli­che Volks­front im Ent­ste­hen. Ih­re Kern­trup­pe ist die Ar­bei­ter­klas­se. Sie trägt die Haupt­last im Kampf und ver­fügt über gro­ße Kampf­er­fah­run­gen. Mit ihr müs­sen sich al­le an­de­ren An­ti­fa­schis­ten ver­bün­den und in der

»Widerstandsbewegung Freies Deutschland«

zu­sam­men­schlie­ßen. Deut­schland kann nur durch Deut­sche ge­ret­tet wer­den!
Die »Wi­der­stands­be­we­gung« ist kei­ne Par­tei, sie fragt nicht nach Rang und Stand, ihr ist der Glau­be und die Welt­an­schau­ung je­des ein­zel­nen gleich­gül­tig, denn sie will die Zu­sam­men­fas­sung al­ler Kräf­te und ih­re Aus­rich­tung auf den Sturz der Na­zis, weil nur so der Krieg be­en­det wer­den kann. Schaf­fen­de in Stadt und Land! Un­ge­ach­tet der Ver­schie­den­ar­tig­keit eu­rer wirt­schaft­li­chen In­te­res­sen, über al­le po­li­ti­schen und kon­fes­sio­nel­len Streit­fra­gen hin­weg, müsst ihr euch für die Ver­wirk­li­chung nach­ste­hen­der Pro­gramm­punk­te ein­se­tzen:

  1. Sturz des Naziregimes
  2. Bildung einer Volksregierung
  3. Beendigung des Krieges. Anbahnung des Friedens, der Deutschlands Freiheit und Unabhängigkeit verbürgt.
  4. Bündnis mit Sowjetrussland
  5. Wiederherstellung der Freiheit aller unterdrückten Völker
  6. Sühne aller im In- und Ausland verübten Naziverbrechen. Bestrafung der Kriegsverbrecher
  7. Auflösung der NSDAP und ihrer Untergliederungen. Auflösung der Geheimen Staatspolizei
  8. Freilassung aller politischen Gefangenen einschl. der von den Militärgerichten verurteilten Soldaten.
  9. Wiederherstellung der demokratischen Volksrechte, wie: Freiheit der Meinung, der Presse, der Vereinigung und der Religionsausübung.
  10. Wiedereinführung des Achtstundentages. Aufhebung der Dienstverpflichtungen und des Lohnstopps. Aufhebung der Zwangsarbeit für alle ausländischen Arbeitskräfte.
  11. Umfassende Hilfsmaßnahmen für die Bombengeschädigten, die Opfer des Krieges und der revolutionären Erhebung.
  12. Abbau aller Gesetze, die den Bauern das Verfügungsrecht über ihr Eigentum beschränken. Beseitigung aller Bestimmungen, die Handel, Handwerk und Gewerbe in ihrer Entwicklung hemmen.

Gegen Krieg und Verwüstung!
Für Frieden und Freiheit!
Gegen Mord und Brand!
Für das Lebensrecht der Völker!
Für unser freies, unabhängiges deutsches Vaterland!

Widerstand sei unsere Losung

Nach­dem an an­de­rer Stel­le dar­ge­legt wur­de, was die »Wi­der­stands­be­we­gung« will und ist, sol­len hier ei­ni­ge der wich­tigs­ten prak­ti­schen Auf­ga­ben auf­ge­zeigt wer­den.
Samm­lung al­ler Kräf­te … auf ihre Zu­ver­läs­sig­keit hin prü­fen und die­se … klei­nen Grup­pen zu­sam­men­ge­schlos­sen, muss Ma­sche um Ma­sche ge­knüpft und so ein dich­tes Netz ge­wirkt wer­den. Keine Or­ga­ni­sa­tions­spie­le­rei, aber oh­ne vor­he­ri­ge Samm­lung der Kräf­te kein ak­ti­ver Wi­der­stand.
Auf­klä­rung tut not. Noch sind Pres­se und Rund­funk in Goe­bels Hän­den. Il­le­ga­le Li­te­ra­tur muss des­halb ge­schaf­fen und ver­teilt wer­den. Auf­klä­rungs­ar­beit vor al­lem un­ter den Wehr­machts­an­ge­hö­ri­gen.
Tat­säch­li­cher Wi­der­stand muss ein­se­tzen. Wie, wo, mit wel­chen Mit­teln und in wel­cher Form, das hängt ganz von den je­wei­li­gen Ver­hält­nis­sen ab. Hier gilt kein Sche­ma. Nützt die ob­jek­ti­ven Schwie­rig­kei­ten des 5. Kriegs­jah­res aus (Roh- und Treib­stoff­man­gel, Flie­ger­an­grif­fe und -alar­me, Ver­kehrs­aus­fäl­le, Kräf­te­ver­schleiß bei Mensch und Ma­te­rial). Ver­zö­gert die Ter­mi­ne. Ar­bei­ter im Be­trieb! Die ge­ge­be­nen Kampf­mit­tel des Au­gen­bli­ckes sind die pas­si­ve Re­sis­tenz und die Pro­duk­tions­sa­bo­ta­ge. Ar­bei­te lang­sam. Scho­ne dei­ne Kräf­te. Melvde dich zur­zeit krank. Stö­re die Pro­duk­tion, wo im­mer du kannst. Ein Hand­griff ge­nügt oft, um ei­ne gan­ze Ap­pa­ra­tur lahm­zu­le­gen. Oh­ne Still­stand der Kriegs­ma­schi­ne kei­ne Be­en­di­gung des Hit­ler­krie­ges. Das sind die Auf­ga­ben von heu­te, mor­gen kön­nen an­de­rer, grö­ße­re vor uns ste­hen.

Neue Risse im morschen Bau

Nach Ita­li­en hat Finn­land schlapp­ge­macht. Fin­ni­sche Po­li­ti­ker ha­ben über Schwe­den Frie­dens­füh­ler nach Russ­land aus­ge­streckt und um die Be­kannt­ga­be der rus­si­schen Waf­fen­still­stands­be­ding­ung­en nach­ge­sucht. Russ­land hat dem ent­spro­chen, aber gleich­zei­tig den Fin­nen mit Nach­druck sei­ne mi­li­tä­ri­sche Stär­ke de­mon­striert. Die Rus­sen star­te­ten die er­folg­rei­che Le­nin­grad-Of­fen­si­ve und bom­bar­dier­ten mit kraft­vol­ler Wir­kung fin­ni­schen Hä­fen und Rüs­tungs­zent­ren. Nach Finn­land kam Un­garn. Die neue Of­fen­si­ve der Rus­sen an der Süd­front of­fen­bar­te den Völ­kern Sü­dost­eu­ro­pas den gan­zen Ernst der La­ge. Be­vor es je­doch zu Schrit­ten ähn­li­cher Art wie die Finn­lands kam, be­se­tz­te Hit­ler das »ver­bün­de­te« Un­garn und schuf sich ei­ne ihm will­fäh­ri­ge Re­gie­rung. Ges­tern Ita­li­en, heu­te Finn­land, mor­gen Un­garn, üb­er­mor­gen Ru­mä­nien, Bul­ga­ri­en usw.
Al­le ha­ben den Krieg satt. Al­le wis­sen, dass auf Hit­ler­deutsch­land kein Ver­lass ist. Sie müs­sen aber auch wis­sen, dass ih­re ei­ge­nen mi­li­tä­ri­schen, wirt­schaft­li­chen und mo­ra­li­schen Kräf­te ver­braucht sind. Kein Mensch hat mehr Lust, für die ho­len Ver­spre­chun­gen der deut­schen und eige­nen Fa­schis­ten zu kämp­fen. Des­halb hat das fin­ni­sche Volk den ers­ten Schritt zum Frie­den und zur Wie­der­ge­burt ge­tan. Der Frie­dens­tau­be war der Flug frei­ge­ge­ben. Hit­ler hat sie noch ein­mal ab­schie­ßen kön­nen. Un­ter dem Ter­ror der Deut­schen ha­ben die Fin­nen die rus­si­schen Be­ding­ung­en ab­ge­lehnt. Un­garn und die an­de­ren lässt man gar nicht erst da­nach fra­gen. Das fin­ni­sche Bei­spiel hät­te Schu­le ge­macht, denn die Sehn­sucht nach Frie­den bricht sich jetzt über­all mit ele­men­ta­rer Wucht Bahn. Mö­gen die Na­zis noch ei­nen le­tzten ver­zwei­fel­ten Ver­such ma­chen, sich an Finn­land, Un­garn und an­de­ren »ver­bün­de­ten« Län­dern mit ih­rer Macht zu be­haup­ten, sie wer­den die Sym­pa­thien der Völ­ker nur noch gründ­li­cher ver­spie­len.
Prak­tisch und fak­tisch sind Ita­li­en, Finn­land und Un­garn be­reits aus dem Krie­ge aus­ge­schie­den. Deutsch­land hat au­ßer Ja­pan kei­ne wir­kli­chen Ver­bün­de­ten mehr. Das ist die Lo­gik des fa­schis­ti­schen Zer­falls. Aus den mi­li­tä­ri­schen Miss­er­fol­gen Hit­lers im Os­ten ent­wi­ckelt sich die po­li­ti­sche Plei­te der Fa­schis­ten und zwangs­läu­fig ihr Un­ter­gang. Das Fal­len­de muss man sto­ßen! Die­se Schluss­fol­ge­rung müs­sen al­le An­ti­fa­schis­ten aus den jüngs­ten Er­eig­nis­sen zie­hen.

An einen Despoten:
Teuflischer Heuchler! Du machst mit der Rechten
das Zeichen des Kreuzes, doch mit der Linken indes
schlägst du die Völker ans Kreuz. (Platen)

Anfang März 1944


Aus dem Flugblatt über den Kampf gegen den Bombenkrieg

Die Leip­zi­ger An­ti­fa­schis­ten sa­gen euch, was zu tun ist. Bei ei­nem Luft­an­griff müsst ihr zu­erst eu­er Le­ben si­chern. Stellt des­halb bei Vor­alarm in den Be­trie­ben je­de Ar­beit ein! Bringt euch in Si­cher­heit! Im Fal­le ei­nes An­griffs ver­lasst die Rüs­tungs­be­trie­be und küm­mert euch um eu­re Fa­mi­lien und Woh­nung­en! Die gan­ze Rüs­tungs­in­dus­trie kann zer­schla­gen wer­den, aber e­uer Le­ben müsst ihr e­rhal­ten. Lasst euch nicht von Na­zi-Be­triebs­bon­zen oder Werk­schutz im Be­trieb fest­hal­ten! Bleibt nach ei­nem An­griff der Ar­beits­stel­le fern. Ent­schul­digt euch mit Auf­räum­ar­bei­ten oder schlech­ten Ver­kehrs­ver­hält­nis­sen! Lang­sa­mer ar­bei­ten führt zur schnel­le­ren Be­en­di­gung des Krie­ges. Un­ter­stützt euch ge­gen­sei­tig, wenn es gilt, eu­er Le­ben, eu­re Woh­nung­en und eu­er Hab und Gut zu ber­gen! Das Le­ben der deut­schen Ar­bei­ter, ih­rer Frau­en und Fa­mi­lien ist tau­send­mal wich­ti­ger als die Rüs­tungs­be­trie­be der Na­zi-Ver­bre­cher. Kämpft mit uns An­ti­fa­schis­ten ge­gen den to­ta­len Krieg Hit­lers, für den to­ta­len Frie­den!
Leip­zig, Dezember 1943


Aus dem Flugblatt über den Kampf gegen die Einführung der 72-Stunden-Woche

Was sollt ihr tun? In je­dem Bet­rieb die 72-Stun­den-Wo­che ab­le­hnen. Ar­bei­tet lang­sa­mer! Brand­markt die fa­schis­ti­schen An­trei­ber! Mel­det euch krank! Wer­det ihr durch den Ver­trau­en­sarzt ge­sund­ge­schrie­ben, so mel­det euch er­neut krank oder bleibt der Ar­beit fern! Die Frau­en im Be­trieb müs­sen nicht nur auf ih­ren frei­en Wirt­schafts­tag be­ste­hen, son­dern noch meh­re­re Ta­ge frei ver­lan­gen. Treibt Sa­bo­ta­ge an Ma­schi­nen und Werk­zeu­gen! Übt pas­si­ve Re­sis­tenz in je­der Form! Tut al­les, was dem Krieg scha­det und ihn schnell be­en­det! Schreibt eu­ren An­ge­hö­ri­gen ins Feld, so sol­len Schluss machen, sie sol­len sich in Ge­fange­nschaft be­ge­ben! Wenn wir uns zu­sam­men­schlie­ßen, dann ist die­ser na­zi­sti­sche Spuk bald hin­weg­ge­fegt und die Welt von dem größ­ten Un­heil al­ler Zei­ten be­freit. Zeigt der Welt, dass das deut­sche Volk mit den Na­zi­ver­bre­chern nichts ge­mein hat! Be­weist, dass wir in der La­ge sind, ein frei­es, de­mo­kra­ti­sches Deutsch­land auf­zu­bau­en! Nie­der mit der 72-Stund­en-Wo­che! Ge­gen den to­ta­len Krieg! Für den to­ta­len Frie­den!
Leipzig, Mai 1944

Georg Schumann

»Un­ter dies­en Be­ding­ungen muss die Part­ei ihre Kraft da­rauf kon­zen­trie­ren, die Aktion­sein­heit der Ar­beit­er herzu­stellen, die So­zial­demo­kraten, Ge­werk­schafter, christ­liche, par­tei­lose und na­tional­so­zialis­tische Ar­bei­ter für den g­emein­samen Kampf mit der KPD und für die so­zia­listische So­wjet­union zu ge­winnen und die rea­ktionären früheren führ­enden Kräf­te der SPD und der früheren bür­ger­lichen Parte­ien, die auf den eng­lischen Im­per­ialis­mus spe­kulie­ren, zu iso­lieren, sie als Ver­rä­ter zu be­kämpfen.
Um sie­gen zu können, muss sich die Ar­bei­ter­klasse mit der ihr am nächs­ten ste­hen­den Kraft, die un­ter der Dik­ta­tur des Fi­nanz­ka­pi­tals lei­det, mit der werk­tä­ti­gen Bau­ern­schaft, ve­rbin­den. Ohne die Her­an­zie­hung der Klein­bau­ern und noch brei­te­rer Krei­se der werk­tä­ti­gen Bauern an die Sei­te der Ar­bei­ter­klasse, ist der sieg­reiche Kampf ge­gen Fa­schis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus un­mög­lich.«

Aus einem Brief der Par­teif­ührung an die Lei­tung und Funk­tio­näre der KPD vom 21. Ok­tober 1939,
I. Teil

Otto Engert

»Die Par­tei­lei­tun­gen und -zellen müssen un­mittel­bar selb­stän­dig auf alle Er­eig­nisse rea­gie­ren, die Haupt­ar­gu­mente des Fa­schis­mus so­fort be­ant­wor­ten und die Or­ga­ni­sie­rung des re­vo­lu­tio­nä­ren Kampfes in den Be­trie­ben und Massen­or­ga­ni­sa­tio­nen lei­ten. Es ist not­wen­dig, Ar­bei­ter, die sich im Kampfe be­währt ha­ben, für die Par­tei zu ge­winnen und da­durch die Par­tei­zellen zu stär­ken und die Zahl der Par­tei­gruppen zu ver­mehren. Von größ­ter Be­deu­tung für die Füh­rung des Massen­kampf­es ist die Her­aus­ga­be ille­gal­er ver­viel­fäl­tig­ter Flug­blätter und Zei­tung­en durch die Par­tei­lei­tung im Lan­de. Die ille­ga­len Zei­tung­en sind gleich­zei­tig ein or­ga­ni­sa­to­risches Mittel, ei­nen Kreis von Sym­pa­thisie­ren­den um die Par­tei zu bil­den.«

Aus einem Brief der Par­teif­ührung an die Lei­tung und Funk­tio­näre der KPD vom 21. Ok­tober 1939,
III. Teil

Alfred Kästner

»Dass der Krieg schlech­tweg als im­per­ia­lis­tischer Krieg ge­kenn­zeich­net und aus ihm der Krieg zwi­schen Hit­ler­deutsch­land und der Sow­jet­un­ion als ‚Klassen­krieg' ge­wisser­maß­en aus­ge­glie­dert wur­de, muss­ten sich not­wen­dig feh­ler­haf­te Lo­sun­gen er­ge­ben. Sie lie­fen da­rauf hi­naus, zu­nächst die Kriegs­hand­lung­en ge­gen die Sow­jet­un­ion ab­zu­bre­chen und ein Bünd­nis mit ihr ab­zu­schlie­ßen, um von die­ser Po­li­tik aus mit den West­mäch­ten über den Frie­den ver­han­deln zu können. Dem deut­schen Vol­ke wur­de der Weg der ‚re­vo­lu­tio­nä­ren Er­he­bung' ge­wie­sen, die ‚die ka­pi­ta­lis­ti­sche Macht nie­der­rei­ßen' und ‚die wirk­li­che so­zia­lis­ti­sche Ord­nung' b­egrün­den sollte. Es ist ein­leuch­tend, dass ei­ne sol­che Ori­entie­rung En­de 1943 / An­fang 1944 we­der der tat­säch­lich­en in­ter­na­tio­na­len La­ge noch den Kräf­te­ver­hält­nissen in Deutsch­land ent­sprach. Aus den fal­schen Vor­aus­setz­ung­en wur­de ge­schluss­fol­gert, dass ‚die­se Po­li­tik nur die Ar­bei­ter­klasse un­ter Füh­rung ihr­es Vor­trupps, der Kom­munis­ti­schen Par­tei', ver­wirk­li­chen kön­ne. Ob­wohl ‚alle Op­fer der fa­schis­ti­schen und im­peria­lis­ti­schen Po­li­tik, die ei­nen Aus­weg aus der Ka­tas­tro­phe su­chen', auf­ge­for­dert wur­den, ‚sich mit den Ar­bei­tern zum ge­mein­sa­men Kampf ge­gen Krieg und Fa­schis­mus zu ver­bün­den', konn­te die­se po­li­ti­sche Linie nicht die Ent­fal­tung einer brei­ten Be­we­gung aller Hitler­gegner för­dern, son­dern muss­te sie ein­en­gen.«

Otto Winzer über die »Plattform« (Zwölf Jahre Kampf gegen Faschismus und Krieg, Dietz Verlag, Berlin 1957, S, 218f.)

Kurt Kresse

»Da in der ers­ten Zeit bei Luft­alarm kein Ar­bei­ter das Werk ver­lassen durf­te, so setz­te auch hier ei­ne Sa­bo­ta­ge ein. Pol­ni­sche Ge­nossen hat­ten in ei­ner Nacht das Was­ser­rohr im Luft­schutz­kel­ler der ‚Mor­gen­son­ne' an­ge­sägt. Am an­de­ren Ta­ge stan­den die Bun­ker­kel­ler un­ter Was­ser, und zum Pech der Na­zis gab es Luft­alarm. Jetzt stürz­te al­les aus dem Werk her­aus auf die Stra­ße und in n­ahe ge­le­ge­ne Park­an­la­gen. Die Werk­feu­er­wehr un­ter der Lei­tung ihr­es Haupt­manns […] und die Werk­wa­che gin­gen mit gro­ßem Was­ser­ein­satz ge­gen die Ar­bei­ter vor.
Da­für aber wur­den ei­ne Rei­he die­ser Na­zi-­Feu­er­wehr­leu­te ver­hau­en. Auch die pol­ni­schen Freun­de hat­ten an die­sem Ta­ge zwei Op­fer zu be­kla­gen. Von der Werk­wa­che war ein pol­ni­scher Ar­bei­ter er­schos­sen und ein an­der­er schwer ver­wun­det wor­den, der eini­ge Ta­ge spä­ter ver­starb.«

(Leip­zi­ger Anti­fas­chist, nach: Il­se Krau­se: Die Schu­mann-­Eng­ert-­Kres­se-­Grup­pe. Do­ku­men­te und Ma­ter­ial­ien des il­le­ga­len anti­fa­schis­ti­schen Kam­pfes (Leip­zig 1943 bis 1945). Dietz, Ber­lin 1960. S. 25 f.)

Wolfgang Heinze

Klaus Hesse: 1933-1945 - Rüs­tungs­indus­trie in Leip­zig. Teil I. Eine Do­kumen­ta­tion über die krieg­swirt­schaft­li­che Funk­tion Leip­zi­ger Rüs­tung­sbe­trie­be, ihre mi­li­tärische Be­deu­tung, über Ge­winne, Ge­winner und Ver­lier­er, Ei­ge­nver­lag Leip­zig 2007.

Klaus Hesse: 1933-1945 - Rüs­tungs­indus­trie in Leip­zig. Teil II. Eine Do­kumen­ta­tion über 'Ar­beits­be­schaffung' Rüs­tung und Dienst­ver­pflich­te­te, über Zwangs­ar­bei­ter, Kriegs­ge­fan­ge­ne und KZ-Außen­la­ger, über ge­sühnte und un­ge­sühnte Ver­bre­chen, über Ver­bre­cher, Opfer und an­de­re ver­gesse­ne Er­inne­run­gen, Ei­ge­nver­lag Leip­zig 2007.